Told you soAuch wenn es letztendlich nichts bringt, aber die letzten Tage waren bei mir von einer gewissen Genugtuung geprägt. Ich habe dieses "Ich hab's euch ja gesagt!" zwar aus reiner Höflichkeit niemandem direkt unter die Nase gerieben, aber deshalb möchte ich wenigstens an dieser Stelle ein paar Worte dazu verlieren.
Worum geht es? Natürlich um PRISM und alles was darum die letzten Tage an die Oberfläche geblubbert ist und auch mal eine breitere Öffentlichkeit erreicht hat.
Ich beschäftige mich jetzt seit über 15 Jahren mit Themen wie IT-Sicherheit und Datenschutz. Es ist da nur logisch, wenn man auch im Bekanntenkreis oder auf anderen Plattformen versucht Aufklärung zu leisten. Teilweise rennt man zwar offene Türen ein, oder stößt auch auf ehrliches Interesse. Andererseits wird man aber hin und wieder auch mal als paranoider Verschwörungstheoretiker abgestempelt.
Mit den Verschwörungstheorien ist es eben manchmal wie mit der Satire: Sie wird gerne mal von der Realität überholt.Insofern war ich eher überrascht von all den "Oh mein Gott! Davon haben wir ja gar nichts gewußt!"-Entblödungen, als von den eigentlich veröffentlichten Details über die Überwachungsmaßnahmen.
Und was mich wirklich richtig ankotzt (sorry für die Wortwahl, aber das trifft es am besten), ist diese ganze Heuchlerei von den offiziellen Stellen. Da wird das Spionageprogramm der USA gerügt und es wird um Transparenz und Auskunft gebettelt. Aber auf der anderen Seite ist Vorratsdatenspeicherung, Bestandsdatenauskunft, Elena, Passagierdatenweitergabe, Volkszählung, Trojanerangriffe, Funkzellenabfrage, undsoweiterundsofort natürlich vollkommen in Ordnung und natürlich GAAANZ was anderes. Denn wir sind ja die Guten™.
Ist ja schön, wenn z.B. Frau Aigner mal den Zeigefinger Richtung Facebook hebt, aber solche Aktionen kann ich nur als Feigenblätter und Nebelkerzen werten. (Den Spruch von der Eiche und der Sau verkneife ich mir jetzt mal.)
Es gibt seit Jahrzehnten sehr bekannte, öffentlich zugängliche, umfangreiche und informative Anlaufstellen, wenn man wissen möchte, was in diesen Bereichen alles geht. Aber diese Informationen unterliegen nunmal einer Holschuld eines jeden einzelnen.
Um mal einige Beispiele zu nennen, wären hier die umfangreichen Seiten von Kai Raven (
HP und
Blog), sowie Seiten wie
Cryptome,
Schneier on Security und
EFF vermutlich die bekanntesten.
Und es ist auch nicht wirklich schwierig für die einzelne Person, mit den eigenen Daten sparsam umzugehen. Ein klein bißchen Zeit kann und sollte jeder investieren. Falls immer noch jemand in diesem Thema unbedarft ist, wäre hier für den ganz schnellen Einstieg ein 2-seitiges Handout zu
Datenschutz im Internet zu finden, das ein Freund von mir mal für einen Vortrag zu dem Thema erstellt hat.
Und
dieses Buch wäre z.B. auch ein guter Anfang.
Eine hübsche Liste von Software Alternativen gibt es aus aktuellem Anlass auch bei
PRISM BREAK (schönes Wortspiel!).
Trotz alledem sind natürlich gerade die Anleitungen zum Schutz der eigenen Daten größtenteils technischer Natur. Daher darf man nicht außer Acht lassen, dass die ausufernde Überwachung in allen Bereichen durch politische und gesellschaftliche Entwicklungen begünstigt wird. Der Krieg gegen den Terror, das Schüren der Angst gegen andere, die Brandstifter und Propheten des abendländischen Untergangs, Totschlagargumente wie "Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten", sind alles Tropfen, die durch ständige Wiederholung auch die härtesten Steine irgendwann aushöhlen.
Was bringt es mir, wenn ich meine Daten verschlüssele, aber dann durch miserable Gesetzeslage und verlustig gegangener Bürgerrechte in Beugehaft genommen werden kann, bis ich meine Passwörter rausrücke? Realität und Theorie stimmen nunmal nicht immer überein...
(CC by xkcd)Das soll jetzt nicht heißen, dass man als einzelner sich nicht etwas Mühe mit seinen eigenen Daten geben soll. Je mehr Menschen Verschlüsselung und Anonymisierungstechniken nutzen, desto weniger verdächtig macht sich der einzelne beim Einsetzen solcher Techniken. Die normative Kraft des Faktischen ist durchaus etwas, das man sich zu Nutze machen kann.
Und verdächtig ist sowieso jeder schon seit Jahren.Ich hatte ja die Hoffnung, dass gerade die Piratenpartei in dieser Richtung aktiver wäre, aber da kam bisher weniger als erwartet. Andererseits gibt es natürlich hierzulande einige NGOs, die sich entsprechend engagieren, wie der CCC, der FoeBuD, das FIfF oder die Humanistische Union.
Aber wenn auf der anderen Seite milliardenschwere Unternehmen aus der Überwachungs-, Biometrie-, Rüstungs- und Contentmafia-Lobby stehen, bleibt das ein Kampf gegen Windmühlen.
Und an dieser Stelle darf sich jeder nochmal an die eigene Nase fassen:
Denn wir sind daran schuld, dass wir die anderen zu Windmühlen gemacht haben.Ich erkläre auch gerne, warum ich das so sehe: Vor elf Jahren hat Lawrence Lessig (u.a. Gründer der Creative Commons) zum Thema
Free Culture einen Vortrag gehalten. Der Vortrag war sensationell vorbereitet und Herr Lessig ist ein begnadeter Redner. Den Vortrag sollte man sich ruhig mal anschauen.
Und die letzten 3-4 Absätze seines Vortrags (
Transskript)sind mir all die Jahre über immer im Gedächtnis geblieben.
Und wir können das, was er dort sagt, gerne auch einmal hier kurz sinngemäß durchspielen:
Wer von Euch hat im letzten Jahr mehr Geld an die Organisationen gegeben, die sich für Eure Bürgerrechte einsetzen, als an die Gegenseite? Und zur Gegenseite zähle ich jetzt der Einfachheit halber mal nur die großen Provider und Medienorganisationen.
Einfaches fiktives Rechenbeispiel, was schätzungsweise einen gewissen Durchschnitt abbildet. Die Auflistung darf auch jeder für sich selber machen:
40,- pro Monat für Telefon und Internet (und zur Finanzierung der Anti-Netzneutralitätspropaganda)
50-60,- pro Jahr für Sony PSN oder Xbox Live Abo (zur Finanzierung der
Rootkits)
35,- pro Monat für 1* Kino oder 2* Audio CDs oder MP3 Alben (zur Finanzierung der Three-Strike, Abmahnwahn- und Störerhaftungs Gesetzgebungslobbyisten)
Allein dies sind schon ca. 80,- pro Monat, die Unternehmen erhalten, welche ihre Kunden am liebsten gängeln würden und dafür auch Einfluss auf die Gesetzgeber ausüben. Und auch Einfluss auf die Kunden selber durch Werbung, PR und
Produktverstümmelung. (Ganz zu schweigen von den 400,- alle 2 Jahre für ein neues Smartphone, damit wahlweise Apple oder Google, in jedem Fall die NSA, auch immer wissen, wo man ist und mit wem man Kontakt hat.)
80,- pro Monat pro Person. Da kommt was zusammen. In Deutschland gab es im Jahr 2011 45,2 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter (
Quelle). (Update: Zahl korrigiert)
Auf der anderen Seite sitzen Vereine wie der CCC mit 3600 Mitgliedern(*), bei Mitgliedsbeiträgen von 72,-
pro Jahr!Ist jetzt noch jemandem nicht klar, warum wir es sind, die gegen die Windmühlen laufen?Der technische Fortschritt wird auch nicht aufzuhalten sein. Was technisch möglich ist, wird auch gemacht werden. Zumindest solange Autoren wie Joseph Weizenbaum nicht zur Pflichtlektüre in der Informatik und verwandten Studiengängen werden. *seufz*
Vor wenigen Jahren hätte sich noch keiner ausgemalt, was mit den Drohnen noch alles möglich wird. Ich hatte vor 2 1/2 Jahren
hier im Zuge der Streetview-Debatte schon mal einen Blick in die Zukunft gewagt. Und ich finde es grade erschreckend, wie zutreffend mein Artikel von damals immer noch ist... Kombiniert einfach mal gedanklich die Möglichkeiten der Drohnen mit dem CCTV Wahnsinn. Hat da irgendjemand Zweifel, dass sich das nicht durchsetzen wird? Zumindest nicht,
wenn wir so weitermachen wie bisher.
(*)
CCC Mitglied kann übrigens jeder werden, man braucht nur ein PDF ausdrucken, unterschreiben und den Mitgliedsbeitrag zahlen.
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